2021 Untouched – Armin Kienesberger
Kann man die Eingriffe beim Weinmachen wirklich nahezu auf null reduzieren? Kolportiert wird es oft. Armin Kienesberger zeigt mit seinem Untouched, wie für ihn No Intervention geht.
Kienesberger-Weine erzählen immer eine Geschichte. Rund 7.000 Flaschen keltert der Winzer mit Homebase unweit von Grieskirchen in Oberösterreich jedes Jahr. Mehr sollen es auch nicht werden. „Meine Grundidee ist, jedem eine ganz klare Handschrift zu geben“, sagt er. Der Untouched hat in der kleinen, feinen Kollektion trotzdem eine echte Ausnahmestellung. Durch ihn wollte er erstmals ausprobieren, was noch nie da war. Das heißt: Kein Einsatz von Maschinen, die Weintraube soll sich völlig puristisch zum Wein entwickeln dürfen. Kein Rebeln, keine Pressung, weder Filtration noch sonstige Aktionen oder Additive. So archaisch wie möglich, ganz ohne Dogma, aber dafür mit umso mehr Gefühl. Ein Wein mit unbändiger Freiheit, dem es erlaubt ist, Regeln zu brechen.
Das Release von Untouched hat für Aufsehen gesorgt. Nicht nur wegen seiner besonderen Entstehungsgeschichte. Auch, weil er nicht als kratzbürstiger Freak, sondern als trinkiger, eleganter und geradliniger Typ daherkommt. Seiner Jugend geschuldet, wirkt er im ersten Moment ein wenig zurückhaltend, öffnet sich mit Luft aber unglaublich toll. Die Flasche einen Tag vorher aufzumachen, wäre perfekt. Das ist natürlich nicht immer möglich. Vor allem nicht im Restaurant. Abhilfe schafft aber ein bauchiger Dekanter und eine Trinktemperatur von etwa 16 Grad. Spannend ist es, die Entwicklung des Weins im Glas über einen längeren Zeitraum zu verfolgen. Genauso, wie der Winzer ihm im Keller Zeit zugestanden hat, macht der Faktor auch beim Genießen den Unterschied.
Optisch changiert der Untouched zwischen weiß und rot, hat die Farbe einer dunklen Zwiebelschale. Damit lässt er sich von vorneherein nicht in eine Schublade stecken. Das Bukett legt im Laufe der Zeit ständig neue Nuancen frei. Hagebutte, Cranberry, Lavendel, Rosmarin, reife Orange, etwas Kumquats. Am Gaumen kommt der Wein so überhaupt nicht kompliziert daher. Er ist zwar energisch, hat straffe und definierte Muskeln, seine Bewegungen bis ins Finale sind aber supergeschmeidig. Die Frucht gibt ihm zudem Finesse. Präsent ist die gut gebaute Säure. Sie pusht ihn in Sachen Dynamik und Potential. Von Kienesbergers Flagschiff gibt es übrigens nur 700 Flaschen und 77 Magnums.
Wichtig hinter dem Wein ist natürlich die Story. Über sieben Tage verteilt haben die Lesehelfer sieben verschiedene Rebsorten zum perfekten Reifemoment geerntet. Ein ¼ sind rot, ¾ weiß. Darunter Pinot Noir, Zweigelt, Sauvignon Blanc, Grüner Veltliner und mehr. Die ganzen Trauben wurden nach einem kurzem Anquetschen mit den Füßen in einen Edelstahlbehälter geschlichtet. So hat sich die Basis des Weins mit seinen vielen Facetten Tag für Tag und Schicht für Schicht aufgebaut. Die Gärung startete spontan. Während der Zeit trat immer mehr Saft aus und die Aromatik gewann an Komplexität. Nach Gärende wurde die Maische durch ein Sieb gedrückt und der junge Wein mit Falldruck in einen Stahltank geleitet. Dort lagerte er ein Jahr auf der Hefe und nach dem Abziehen ein weiteres im gebrauchten Holz. Gefüllt wurde händisch. Nach weiteren 12 Monaten in der Flasche fand der Winzer das Projekt gelungen. Durch Laissez-Faire ist Wein entstanden, der Herz und Seele anspricht.
@Kalk&Kegel