2021 Karpfen [carpo] – Vergessene Gärten
Mike Nährer hat ein untrügliches Gespür für echten Geschmack und dazu unbändige Genussfreude. Das prägt nicht nur seinen Küchenstil, sondern auch die kleine, authentische Weinserie.
Zur Erinnerung: 2019 kelterte der Traisentaler Kult-Wirt seine ersten Weine aus den Vergessenen Gärten. Initiiert hat Mike Nährer das spannende Projekt, weil er in seiner Heimat immer wieder Weingärten entdeckt hat, die aus verschiedensten Gründen nicht mehr bewirtschaftet wurden. Dabei liegt wirklich viel Potential im Gebiet. Die kühlen klimatischen Bedingungen im Zusammenspiel mit den diversen, vom Kalk geprägten Böden sind ein Geschenk. Nährer gibt seinen eigenständigen Weinen frühneuhochdeutsche Namen als historischen Link, denn im Traisental gibt es nachweislich seit 4.000 Jahren Weinbau. Selbstverständlich haben alle auch kulinarischen Bezug. Im ersten Jahrgang startete er mit dem Buchstaben A, 2020 ging es klarerweise mit B weiter. 2021 gehören zur kleinen Serie unter anderem der Steinklee [cliton], die Wurzel [cruo] und die Liebe [caritas].
Ich habe den [carpo], angelehnt an das Wort Karpfen, gekostet. Der ist ein selbstbewusster und vor allem sympathischer Charaktertyp. Im Duft: gelbe Frucht – saftige Marille und Mango – genauso wie eine Spur Guave. Das wirkt er aber keineswegs laut und plakativ, sondern schwingt im Gleichklang mit nussigen Noten, Kreuzkümmel und Safran. Der Wein ist puristisch, eindringlich, hat Finesse und einen gut dosierten Grip. Der gibt dem Ganzen einen festen Kern. Mit viel Luft im großen Glas und bei annähernd Rotweintemperatur, kommen im Wein ständig neue Schichten zum Vorschein. Fast so, wie wenn man eine Zwiebel teilt. Aufgelegt ist, Mike Näher zu fragen, was er zu seinem Wein kocht. „Unbedingt Fisch. Karpfen – klar – oder Wels. Aber auf keinen Fall deftig mit Speck. Eine schönere Harmonie entsteht, wenn man Zitrusnoten und Gemüsiges wie Erbsen dazu kombiniert.“
[carpo] setzt sich aus den Sorten Chardonnay und Weißburgunder zusammen. Die Rebstöcke wachsen in unterschiedlichen Kleinstparzellen. Ein Drittel davon hat Sandstein im Untergrund, bei den anderen gibt es Kalk-Schiefer-Aufmürbungen mit Kreideadern. „Das ist von den Voraussetzungen fast ein wenig wie im Jura“, erzählt Nährer. Wichtig ist ihm der Natur so gut wie möglich ihren Lauf zu lassen. Im Weingarten und im Keller. Er unterstützt, greift aber zu keinem Moment radikal ein. In Sachen Hardware arbeitet der Neo-Winzer mit den regionalen Fassbindern Stockinger und Schön. „Die Fässer passen super zu der burgundigen Art meiner Weine.“
Gestartet wird die Vinifizierung mit einer Ganztraubenpressung. Vom Rebeln wie von Maischestandzeit hat sich Nährer verabschiedet. Der Saft kommt von der Presse direkt ohne Absetzen ins gebrauchte Holz und wird zusammen mit etwa zehn Prozent Trauben vergoren. Das gibt dem [carpo] ein feines Tanninrückgrat. „Am Anfang habe ich ein Drittel der Erntemenge auf der Maische vergoren und dann rückverschnitten. Im Vergleich dazu bekomme ich jetzt viel mehr Trinkfluss“, sagt Nährer. Nach Gärende und einmaligem Umziehen spielt dann nur noch den Faktor Zeit eine Rolle. Außer wenn sich ein zu viel an Reduktion anbahnt. Stichwort Popcorn. Dann wird kurz aufgerührt. Zwei Jahre bleiben die Weine im Holz. Vor dem Release gibt es noch ein weiteres Jahr Flaschenreife.
@Kalk&Kegel